2013 Social Entrepreneurship – ein Akademikerthema?

Letztens saß ich mal wieder bei einer Netzwerkveranstaltung zum Thema „gesellschaftliche Innovation, Social Entrepreneurship und Social Business“. Wie bei jeder Veranstaltung gab es einen zweistündigen Input, eine Powerpoint Präsentation nach der anderen eine kurze Diskussionsrunde mit spannenden Social Business Beispielen aus München und danach ein get together mit Bio Caterer und Bio Getränken. Das ganze Programm also.

Ich gehe des öfteren auf solche Veranstaltungen, weil ich
a. selber ein Social Business leite
b. Freiberuflerin bin und mich immer auf den aktuellsten Stand der Dinge halten möchte
und c. ich mich gerne mit anderen kreativen Menschen vernetze.

Was mir aber immer mehr auffällt bei diesen Netzwerkvveranstaltungen ist die Eintönigkeit: Es sind meistens dieselben Gesichter zu sehen oder zumindest dieselben Organisationen da, welche von Vertretern vorgestellt werden. Wenn man sich im Raum umguckt sind meistens nur Akademiker anwesend, die was von interdisziplinärer Zusammenarbeit erzählen: Es ist also wichtig, dass verschiedene Disziplinen zusammenarbeiten, um gesellschaftliche Problemstellungen zu lösen.

Aha, so ist das also.

Aber ist es nicht eigentlich auch wichtig, dass nicht nur verschieden Disziplinen zusammenarbeiten, sondern Menschen mit verschiedenen Schulabschlüssen und Ausbildungswegen?
Oder ist Social Entrepreneurship ein Akademikerthema?

Das kommt mir meistens so vor, denn ich habe noch bei keinen dieser Veranstaltungen einen Menschen getroffen, der keinen Bachelor oder Master hat (mich selbst eingeschlossen). Ich meine Menschen mit einer Berufsaubildung, einem Real- oder Mittelschulabschluss. Wo seid ihr alle? Wir brauchen euch!

Social Entrepreneurs, die Social Businesses gründen wollen eine soziales, ökologisches, kulturelles oder wirtschaftliches Problem mit einem wirtschaftlichen Ansatz lösen (das ist meine Auffassung). Sollten wir uns dazu aber nicht Menschen mit verschiedenen Bildungsabschlüssen ins Boot holen? Wäre es nicht hilfreich Menschen mit verschiedenen Bildungsabschlüssen bei solchen Veranstaltungen dabei zu haben, um verschiedene Perspektiven einholen zu können? Ich fände das auf jeden Fall spannend!

Fragwürdig finde ich auch, dass bei solchen Veranstaltungen immer dasselbe Programm geboten wird: erste Präsentation mit Powerpoint, zweite Präsentation mit Powerpoint, dritte Präsentation mit Powerpoint (die Liste lässt sich so fortführen). Dazwischen eine Diskussionsrunde zum Thema: „Was ist ein Social Business?“

Am Liebsten sind mir dann noch, wenn fünf Personen pitchen. In drei Minuten sich vorstellen und sein Business präsentieren ohne unter die Oberfläche zu gehen. Da wird doch kein Mensch schlau draus!

Danach bin ich meistens so platt vom zuhören, Mund halten und sitzen, dass ich um 21.00 Uhr wenig Lust habe mich noch auszutauschen. Aber so isses halt, ge!

NEIN, so sollte es aber nicht sein!
Umgeben von Akademikern und Menschen aus der Kreativwirtschaft, Social Entrepreneurs, die durch den Raum schwirren sollte man doch eigentlich was anderes erwarten.

Es gibt 1000 verschiedene Methoden interaktiv zu arbeiten ohne Powerpoint. Und wenn sich jemand vorstellt, dann sollte das wenigstens so ausführlich sein, dass man auch kritisch nachfragen kann. Das hilft der Person meiner Meinung dann auch meistens mehr, als sich drei Minuten zu präsentieren.

Es geht doch darum gegenseitig voneinander zu lernen, oder nicht? Das kann ich nur, wenn ich genug Informationen zu der Person und dem Vorhaben bekomme, um mich dann kritisch (das Wort Kritik ist nicht nur negativ zu deuten, um gleich mal den Wind aus den Segeln zu nehmen) damit auseinanderzusetzen.

Nach der Veranstaltung bin ich nach Hause gegangen und habe das, was mir da durch den Kopf gegangen ist in meiner WG diskutiert. Ein Mitbewohner (kein Akademiker!) hat mich gleich nach den ersten drei Sätzen gestoppt und nachgeäfft: SOCIAL ENTREPRENEURSHIP! und gelacht.

Jaja die zwei Wörter sind ja schon Programm udn das sagt eigentlich schon alles: ein angilzistisch, hippstermäßiges eingedeutschter Begriff, den kein Mensch normalerweise verwenden würde. Wie wäre es denn eigentlich einfach mit: soziales Unternehmertum, oder hört sich das zu langweilig deutsch an?

So nun habe ich mal ein bisschen meine Gedanken niedergeschrieben und freue mich auf kritische Kommentare, Anmerkungen und Meinungen und eine spannende Diskussion zum Thema: „Ist Social Entrepreneurship ein Akademikerthema?“

Anja Bauer

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#1 Bettina (Mittwoch, 09 Oktober 2013 12:48)

Ja, da triffst du m.E. den Nagel ziemlich auf den Kopf – es hat in jedem Fall ein Akademiker- und Hipsterimage. Das empfinde zumindest ich so – als jemand, der zwar im sozialen Bereich tätig ist, aber hier im „traditionellen“ Bereich. Es hat m.E. außerdem auch noch diesen Touch, sich den Luxus leisten zu können, im sozialen Bereich zu arbeiten – eben ganz anders als die Krankenschwester oder der Altenpfleger, beispielsweise. Dass es also vorrangig um Selbstverwirklichung geht (was grundsätzlich gar nichts Verwerfliches ist, nicht falsch verstehen), als darum, sich seine Brötchen zu verdienen. Passt dann ja auch wieder zu Get-Togethers bei Biokost, Powerpoint auf dem Macbook, etc. Sodass man am Schluss schon das Gefühl bekommt, der Social Entrepreneur verbringt seinen Tag hauptsächlich damit, von einer Veranstaltung zur nächsten zu tingeln, um sich zu präsentieren… Ach so, und noch damit, die Social Media-Auftritte zu pflegen. Ganz böse ausgedrückt.
Soziales Unternehmertum würde mir persönlich besser gefallen. Und wenn man mal so guckt, wer im „traditionellen“ sozialen Bereich arbeitet, dann sieht man ja eben, dass da auch ganz viele Nicht-AkademikerInnen sind. Warum sollen die sich also nicht auch für die neuen Formen interessieren? Gute Frage: Wie kriegt man die?

#2 Anja Bauer (Donnerstag, 10 Oktober 2013 12:25)

Ja diese Frage schwebt mir auch seit Tagen im Kopf rum: Wie kriegt man die Leute?
Ich denke ein guter Ansatzpunkt könnte sein, mehr Veranstaltungen in Schulen (auch Berufsschulen) anzubieten und den jungen Leuten zu zeigen was „soziales Unternehmertum“ ist. Gerne mit Beispielen aus der Region. Es sollte natürlich auch interaktive Formate sein, wo die Jugendlichen mitwirken können und man ihre Vorschläge auch ernst nimmt.
Somit werden diese affin für das Thema, können sich nach ihrem Abschluss was darunter vorstelle und habe durch bereits bestehende Kontakte selbst in dem Feld tätig werden.
Das wäre meiner Meinung ein Ansatz, um Menschen mit verschiedenen Bildungsabschlüssen für die Thematik zu gewinnen.

#3 Detlef Müller (Montag, 02 Dezember 2013 11:16)

Habe eben erst diesen Beitrag entdeckt. Nach dem ersten Lesen gibt er viel von meiner eigenen Meinung wieder – ausführlicher Kommentar später. … Gruss aus Minden (NRW)

#4 Detlef Müller (Mittwoch, 04 Dezember 2013 15:39)

Hallo Anja,
Auf solchen Veranstaltungen bin ich zwar noch nicht gewesen, aber mein Eindruck gegenüber Social Entrepreneurship ist auch nicht kritiklos, grundsätzlich deinem ähnlich.
Seit Jahren befasse ich mich intensiv mit #socent und ähnlichen Formen neuen ökologisch-sozialen Wirtschaftens.

Meine Kritikpunkte in Kürze
(1) Sehr FORMELLE und akademische Diskussion.
(2) ZU WIRTSCHAFTSLASTIG, der engagierte Charakter geht unter.
(3) Meist werden NUR JUNGE LEUTE angesprochen.
(4) „Alles“ stürzt sich auf ÖKOLOGISCHE Problemlösungen.
(5) Ideen zu Problemlösungen aus den SOZIALEN BEWEGUNGEN werden nicht beachtet.
(6) EMPFINDLICHEN PROBLEMEN (zB. Armut, Arbeitslosigkeit) wird meist aus dem Weg gegangen.

Das Bemühungen für einen sozialen Wandel durch Sozialunternehmertum müssen entschieden mehr Mut entwickeln.
Diskutieren und prüfen ist ohne Zweifel wichtig und richtig, keine Frage. Aber der Blick ist ua. zu sehr auf eine 1.000%-ige Absicherung von ökonimischen Risiken gerichtet. Dadurch verliert die Idee ganz viel an Kraft. Stattdessen muss die Sache lebendiger werden, mehr gesellschaftlichen Charme. Es muss eine menschennahe Bewegung daraus werden.

Gruss
Detlef Müller

#5 Anja Bauer (Donnerstag, 05 Dezember 2013 16:59)

Hallo Detlef,

ja da haben wir wirklich ähnliche Ansichten. Kennen wir uns eigentlich:-)?
Ich habe mir deine Internetprojektseite angesehen und bin sehr interessiert an der Wohngemeinschaft.
Vielleicht schreibst du mir mal eine Mail? Dann können wir auch gerne mal telefonieren und uns austauschen:-) anja@unternimm-dich.de
Bis bald, liebe Grüße aus dem HUB München,
Anja

#6 Detlef Müller (Sonntag, 08 Dezember 2013 01:39)

Nein, wir kennen uns wohl nicht. Minden ist ja auch ein paar Meter von München entfernt. 😉
Dass die «Soziales Dorf»-Idee gefällt, freut mich. Es muss noch viel getan werden, damit es entstehen kann. Das ist halt bei sehr anspruchsvollen Vorhaben so.

Ja, telefonieren ist eine gute Idee. 🙂
Meine Rübe ist allerdings zZt. ziemlich voll, Email dauert ein wenig.

Gruss aus dem fast schon hohen Norden
Detlef

#7 Renate Schöll (Donnerstag, 06 Februar 2014 18:05)

360 Grad

Die Drehtür hat Ihren Schwung verloren.
Dabei war sie doch mal der Inbegriff für Aufbau, Aufschwung, Fortschritt usw., doch heute bleibt diese verdammte Tür ständig stehen.
Es kann einige Zeit vergehen, bis das Drehtüropfer ließt, „bitte nicht berühren“, Tür dreht sich automatisch! Wenn man Glück hat, kommt man durch, natürlich mit Abi usw.
Damit stellt sich die Frage: Pass ich dann auch noch durch? Behinderte, Omi´s mit Rollator, Rollstuhlfahrer, Hauptschüler usw.

Bei solchen Veranstaltungen wäre langsam der Moment gekommen, die Drehtür abzuschaffen und eine Alternative zu schaffen. Viele haben nähmlich auch Angst vor Drehtüren.

#8 Anja Bauer (Freitag, 07 Februar 2014 11:11)

Hallo Renate,

das hast du sehr schön ausgedrückt.
Ich sehe das genauso, wir sollten die verdammten Drehtüren abschaffen, die stehenbleiben, wenn man sie berührt- wegen der Automatikfunktion…
Hier ein spannendes Projekt mit interessanten Ansätzen dazu: www.artseducation.de / www.iakb.de
Liebe Grüße aus München, Anja